Back to the roots of the blog (3)

Aller guten Dinge sind drei: Darum schreib‘ ich jetzt noch einen dritten Beitrag in Folge mit dem Titel „Back to the roots of the blog“. Danach werde ich ab und zu einen Beitrag mit diesem Titel schreiben, aber auch andere. D. h. wahrscheinlich sogar vor allem andere.

Denn
: Auch wenn ich gute Gründe habe, für mich selbst sowie für alle anderen, die von einer organischen Erkrankung betroffen sind und (meistens) darüber schweigen, (m)eine Stimme zu erheben und einzustehen, so möchte ich, dass mein Blog so vielfältig bleibt, wie er eben ist, und dass er meine vielfältigen Interessen und Engagements weiterhin abbildet.

So oder so bin ich „froh“, dass diesbezüglich etwas in Bewegung gekommen ist. Meine Kinder haben von meiner Erkrankung kaum etwas mitbekommen; mein Sohn erinnert sich an eine einzige (!) Situation, meine Tochter kennt nicht einmal den Namen. (Nochmals: Man stelle sich mal vor…) D. h. noch nicht.

Denn: Jetzt endlich zu benennen, was diese Autoimmunerkrankung die vergangenen bald 13 Jahre für mich bedeutet hat, ist überfällig. (Und ja: für mich. (Sonst hat nämlich, wie erwähnt, kaum jemand etwas davon mitbekommen.))

Ich bin immer unternehmungslustig, aktiv, engagiert, energetisch und lebensfroh gewesen, habe immer intensiv gelebt und immer viel gelacht – seit dem Ausbruch der Erkrankung im Januar 2009 genau so, wie es zuvor der Fall gewesen war.
Daran hat sich nichts geändert – und das ist eine grosse Leistung.
Ich habe keine Lust mehr, dass dies ignoriert wird; ich habe keine Lust mehr, dass dies als selbstverständlich genommen wird; ich habe keine Lust mehr, diese grosse Leistung für mich zu behalten.

Ein Arbeitskollege sagte einmal zu mir, er habe noch nie mit jemandem so viel gelacht wie mit mir. Und viele weitere Menschen drücken sich ähnlich aus; er war „einfach“ derjenige, der es am schönsten auf den Punkt brachte – wunderschön sogar.
(Und das war 2012 oder 2013 – nur so… (Man vergleiche mit oben genanntem Jahr…))

Der Mensch hat einen Willen mit auf den Lebensweg bekommen. Wir sind nicht Opfer unserer Umstände – es sei denn, sie seien wirklich tragisch wie zum Beispiel Krieg oder der Tod der eigenen Kinder.
Auch bei gewissen organischen Erkrankungen hilft der Wille nicht viel – und ich habe jedes erdenkliche Verständnis dafür. (- bin ja selbst betroffen. (Und es gibt noch viel Verreckteres…))

Ich habe aber kein Verständnis für Leute, die jedes Mal etwas vorschieben, sich (sehr) gerne als Opfer sehen und keinerlei Kapazitäten für andere haben, weil sie permanent mit sich selbst und ihren eigenen Befindlichkeiten beschäftigt sind. Meiner Meinung nach könnten (und sollten) sie dringend aus ihrer Blase entweichen, sich dem stellen, was schiefgelaufen ist, und sich fragen, warum sie es nötig haben, sich so zu verhalten, wie sie es eben tun. Sich auch fragen, was ihr Verhalten bei anderen auslösen kann. Sich mal
bewusst werden, dass sie Verständnis und Rücksicht erwarten und verlangen, selbst aber nie bereit wären, ihr Verhalten aus Rücksicht auf andere zu ändern oder sich für entgegengebrachtes Verständnis zu bedanken. Zu merken, dass es nicht „normal“ ist, was sie erwarten und verlangen. Oder eben, wenn sie es dann doch immer und immer wieder bekommen, sich wenigstens mal (nachhaltig) dafür zu bedanken.

Und schämen würdet ihr euch auch nie, oder? Das haben gefälligst andere für euch zu übernehmen, stimmts? So ganz selbstverständlich – yep.

Das könnte übrigens mit eurer „Erziehung“, wenn man sie denn so nennen könnte, zusammenhängen – ihr wurdet entweder (viel) zu wenig – im Positiven, Natürlichen, Kraftvollen, Starken, Selbständigen, Rebellischen, Lebensbejahenden, Lebensfähigen… – gefördert und beachtet oder es wurde (viel) zu viel gekuschelt, nicht? (Oder beides zusammen; die verheerende Kombination gibt es nämlich auch.) Darum lässt ihr jetzt auch nur Leute in euer Leben, die weiterkuscheln und mitkuscheln. Alle anderen sind euch ein Dorn im Auge; sie würden euch nämlich dorthin führen, wo ihr um alles in der Welt nicht hinkommen wollt. Und da ist es natürlich am bequemsten, man stempelt sie als „Böse“ (oder dergleichen) ab und verbannt sie aus der Blasenwelt.
(Längst gecheckt… – aber noch nie aufgeschrieben.)

Oh ja, ich weiss, wovon ich schreibe – und wie. Ich könnte langsam, aber sicher ein Buch darüber schreiben. Oft stecken (gravierende) Persönlichkeitsstörungen dahinter. Anstatt sie anzugehen, das heisst anstatt bei sich selbst hinzuschauen, verlagern Betroffene ihre tiefgreifenden Probleme oft ans Äussere, um ihr Umfeld zu täuschen.
Bei Hypochondrie erfolgt die Täuschung unbewusst, das heisst die Betroffenen sind selbst überzeugt davon, krank zu sein.
Bei den artifiziellen Persönlichkeitsstörungen – die Bezeichnung „artifiziell“ ist sehr, sehr passend (!) – hingegen wissen die Betroffenen ganz genau, dass sie nichts oder höchstens eine Bagatelle haben, würden dies aber nie zugeben, da sonst ja ihr ganzes Kartenhaus einstürzen würde und sie mit dem, was sie um alles in der Welt zu vermeiden versuchen, konfrontiert würden. Man spricht beim Aufbauschen von körperlichen Bagatellen vom Aggravieren. „Gravis“ ist lateinisch und bedeutet „schwer, schwerwiegend“ (vgl. „gravierend“).
Es gibt noch eine (gewissermassen artifizielle) Steigerung davon – wer ein bisschen mitdenkt, vermutet wohl, was ich meine. Aber darüber vielleicht ein anderes Mal (ein bisschen) mehr; ich hab‘ die Energie grad nicht, das näher auszuführen. Hier „nur“ mal das: Es gibt Kulturen, wo die artifiziellen Persönlichkeitsstörungen (fast) nicht vorkommen. (Hmm…)

Ich habe mit soeben beschriebenem Verhalten zu tun. Es betrifft zwar meiner Erfahrung nach nur ca. 5% der Menschen. Doch diese ziehen eine im wörtlichen Sinn‘ wahnsinnige Aufmerksamkeit auf sich, was zu einer völlig ungewollten mentalen Last werden kann, von der es sich loszureissen, von der es sich zu befreien gilt. Nun ja: einfacher gesagt als getan…

Und vielleicht (wer weiss…?!) noch etwas Erhellendes, falls jemand sich tatsächlich fragen sollte, was das mit „Back to the roots of the blog“ zu tun habe… Nun ja: Ich mache seit bald 13 Jahren das Gegenteil von „aggravieren“.
Ja, das Gegenteil – das pure und diametrale Gegenteil.

Ich brauche keine Anerkennung dafür – die bekommen von meist unsichtbaren organischen Erkrankungen Betroffene sowieso höchst selten.
Ich brauche keine Zustimmung.
Und ich brauche schon gar kein Lob.
Ich brauche eigentlich gar nix – ich hab‘ meine Ressourcen, meine Stärke. (Das ist mehr als genug.)

Ich musste und wollte es jetzt endlich „einfach“ mal loswerden.

Wohl auch, weil die Erkrankung grad wieder aktiver ist – trotz Immunsuppression. (Was, ehrlich gesagt, etwas beängstigend ist.)
Ich weiss auch, warum; ich weiss, was die Auslöser waren. So, wie ich es auch vor zwei Jahren (Ende 2019) wusste. Es sind meistens zwei, drei, vier Stressfaktoren, die zusammenkommen – und es braucht jeden einzelnen, damit die Erkrankung wieder aktiver wird.

Was ich in den vergangenen drei bis vier Monaten geleistet habe, wäre schon für eine gesunde Person extrem viel.
Aber es wird bald besser; daher bin ich auch zuversichtlich, dass wir die Sache in den Griff bekommen.
Konkret die Entzündungen innerer Organe sowie eine Augenentzündung. Letztere hatte ich vor fünf Jahren zum letzten Mal. Betroffen war damals – und ist auch jetzt – nicht nur die Bindehaut, sondern auch die Hornhaut. Also Konjunktivitis und Skleritis. Und wie ich damals schon geschrieben hatte: Wenn keine Uveitis daraus wird, hab‘ ich nochmals Glück gehabt…

Dazu brauche ich aber die Hilfe meiner Ärztin. Sie ist – nebst weiteren Ärzten und Ärztinnen – eine der Personen, die wirklich abschätzen können (und wollen!), was ich in den vergangenen bald 13 Jahren geleistet habe.

Mir hat auch schon mal ein Arzt „supernatural powers“ zugestanden. Zwar haben wir dann zusammen gelacht, aber der Anlass, es zu sagen, war nicht so lustig.
Wenn ich ihn nächstes Mal sehe, frage ich ihn, ob er nicht auch der Meinung sei, dass dies auch mit dem Willen zu tun habe.

Und ich frage ihn oder meine Ärztin, ob es eigentlich einen Fachbegriff für das Gegenteil von „aggravieren“ gebe. Damit ich das, was ich so lange getan habe und weiterhin tu‘, vielleicht mal benennen kann. Das könnte entspannen.
So vom Lateinischen her müsste es etwas mit „levis“ („leicht“) zu tun haben; das Verb wäre „levare“.
Aber eigentlich hab‘ ich ja noch mehr als das gemacht; ich habe nicht nur alles (viel) leichter gemacht, als es gewesen ist; ich habe es oft ganz verborgen.

Hmm…

Doch dass ich heute sagen kann, diese Erkrankung hat meine Kinder nicht beeinflusst, sie haben davon so gut wie nix mitbekommen und ich bin ihnen das Vorbild gewesen, das sie brauchen, insbesondere meiner Tochter dasjenige für eine kraftvolle und lebensbejahende Weiblichkeit, ist es alles wert. Und zwar so ‘was von.

Alles, alles, alles.

2 Kommentare zu „Back to the roots of the blog (3)

  • Liebe … 💖
    Toll und ergreifend geschrieben, wie immer, Sabine! Danke wiederum für deine persönlichen Einblicke. Ich habe natürlich Teil 2 auch gelesen, aber da ich gerade völlig unnötigen Stress mit meiner Schulleitung habe, hatte ich die Kraft nicht, um zu reagieren. Aber dafür schreibe ich jetzt.
    Alle Leute mit sogenannt unsichtbaren Krankheiten haben es schwer – aus verschiedenen Gründen. Ich selber mit meiner Fibromyalgie auch, denn hier gibt’s nur eine Ausschlussdiagnose, da man die Krankheit nicht im Blut oder anderem nachweisen kann. Die Betroffenen werden oftmals als hysterische Frauen abgekanzelt. Dabei schätzt man, dass ca. 8% der Bevölkerung diese Krankheit haben. Mir merkt man sie nicht an, und wenn ich etwas darüber sage, gehen die Leute nicht drauf ein oder glauben es nicht oder wollen sich nicht damit auseinandersetzen. Ich leiste trotz Krankheit mehr als jemand Gesundes. Ich muss auch viel mehr aushalten als Gesunde. Denn ich muss jeden Tag mit verschiedensten Symptomen und Schmerzen umgehen. Eine gigantische Aufgabe, und dabei noch den Humor grosszügig zu haben und zu benützen ist sicher besonders, wie bei dir. Ich denke, wir sind beide sehr starke Persönlichkeiten. Wir wurden auch durch die Krankheiten so stark, denn wir bewältigen diese auch, einfach so, neben allem anderen. Ich denke, du hast dies bewundernswert über viele Jahre gemacht. Du schreibst, dass die Krankheit deine Kinder nicht beeinflusst hat. Meinst du, wegen deines Umgangs mit der Krankheit, nämlich alles alleine abzumachen, bekamen sie nichts mit und das ist gut so?
    Ich glaube, dass das Hand-in-Hand-Gehen mit der Krankheit okay wäre. Warum sollten die Kinder nichts mitbekommen? Hattest du das Gefühl, dass du die Kinder nicht damit belasten sollst? Hattest du den (Ein-)Druck, die tolle, engagierte und gesunde Mutter sein zu müssen, damit die Kinder happy sind? Haben nicht wir Frauen, die Mütter sind, schon genug Druck der Gesellschaft auf uns lasten? Wir müssen alles sein: lieb, treu, gesund, verständnisvoll, sorgend, kümmernd, Geld verdienend, unabhängig, gebildet, schön aussehend, schlank, sportlich, uns zurücknehmend, sich für andere aufopfernd, etc.
    Wir selber entscheiden, was wir mit diesem Druck machen. Ich mache mir nicht viel aus diesen Erwartungen der Gesellschaft. Ich war die einzige Mutter im Dorf, deren Sohn in der ersten Primarklasse mit dem Bus ins Chinderhuus fuhr, um dort Mittag zu essen. Es wurde aber von der perfekten Mutter erwartet, dass sie am Mittag brav zu Hause kocht und sich um die Brut kümmert. Das liess man mich spüren, natürlich nur Frauen im Dorf, die gerne tuschelten.
    Die Krankheit musste ich akzeptieren und merkte schnell, dass mein Umfeld grosse Probleme damit hatte: wie schon formuliert, herrschte Schweigen, es wurde nie gefragt, wie es mir geht, niemand interessierte sich für die Diagnose, das Wort der Krankheit wurde nicht genannt, etc. Als ob es nicht sein dürfte? Als ob Krankheit nicht zum Leben gehörte? Ich begriff, dass es mein Leben und meine Krankheit sind, und dass ich alleine entscheide, wer sich wie zu meiner Krankheit äussern darf. Zuerst versuchte ich weiterzumachen, als wäre nichts. Ich machte alles alleine mit mir ab über Jahre. Dann wurden viele Symptome schlimmer. Eine Bekannte meinte in dieser Zeit mal salopp, dass ja meine Krankheit stabil wäre und ich ja keine Verschlimmerung hätte. Das gab mir zu denken: wollte ich so erscheinen? Das stimmte ja überhaupt nicht mit der Realität zusammen. Irgendwie verstellte ich mich, um so zu wirken, als sei ich gesund. War ich aber nicht und bin es nicht. Ich habe dann angefangen, die Krankheit wie ganz normal im Gespräch zu erwähnen, zum Beispiel „Ich wollte zu Fuss auf den Grossmünsterturm steigen, merkte aber nach 20 Stufen, dass ich das nicht schaffen würde (zumindest nicht in der erwünschten Zeit). Da machte mir die Fibro einen Strich durch die Rechnung.“ Durch das Einflechten der Krankheit gewöhnten sich gewisse Leute in meinem Umfeld daran, dass ich eine Krankheit habe. Und ich stehe so auch zu mir und der Krankheit. Ich weiss, dass ich nicht alles kann, wie Gesunde, versuche aber, so viel wie möglich zu schaffen, akzeptiere aber meine Grenzen. Ich fokussiere mich auf das, was geht und was ich kann. Und so gehe ich schon lange in der engen Familie damit um, ich meine Mario und Maxi. Für sie bin ich normal mit dieser Krankheit, die mich einschränkt.
    Wegen Personen, die Aufmerksamkeit scheffeln wollen, mit allen Mitteln: da kenne ich viele. Offenbar ist bei solchen Leuten etwas schief gelaufen, wie du richtig schreibst. Etwas ganz gravierend schief. Das Wort Aggravieren ist gut! Dass man mit sichtbaren äusserlichen Verletzungen Mitleid und Aufmerksamkeit heischen kann, ist klar. Nun sind wir beide tatsächlich das Gegenteil: wir haben es nicht nötig und haben nicht sichtbare Krankheiten, mit denen wir stark umgehen. Und bestimmt niemanden damit belasten wollen. Also das pure Gegenteil.
    Soweit ein paar Gedanken von meiner Seite. Mach weiter, ….

    • Liebe Caroline

      Vielen Dank für deine Worte!

      Deine Fragen beantworte ich dir gerne persönlich.

      Also, Leute, die ab und zu etwas aufbauschen, zum Beispiel einen grippalen Infekt oder sonst etwas Harmloses, kenne ich auch viele.
      Aber Leute, die regelmässig, systematisch und immer und immer wieder nach Aufmerksamkeit und Zuwendung heischen, indem sie sich als krank oder verletzt ausgeben, kenne ich nicht viele. Das sind meiner Erfahrung nach nur etwa 5%, wie im Beitrag geschrieben.
      (Aber es kommt ja auch nicht so drauf an.)
      Offenbar werden sie nur so wahrgenommen und haben sie gelernt, dass man krank oder verletzt sein kann oder muss, um beachtet zu werden. Oft ist es zusätzlich die einzige Möglichkeit, sich besonders und einzigartig vorzukommen.
      Und ja, da liegen grosse psychische Probleme vor. Wer dazu steht und sie angeht, kommt (wahrscheinlich) weiter; wer alles leugnet und sogar noch Schuld bei anderen sucht, wird noch grössere Probleme bekommen.

      Und ja, zum Glück haben wir das nicht nötig und fallen anders auf. 😅

      Dieses Verhalten triggert in mir so einiges, das gebe ich zu.
      Was jedoch an der Tatsache, dass es gestörtes und egoistisches Verhalten ist, nichts ändert.

      Anyway, deine Fragen beantworte ich dir, wie erwähnt, gerne persönlich.

      Bis bald & viele Grüsse!

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