Deux familles

„Quand tu viens au Maroc la prochaine fois, tu as deux familles: celle de Mustapha et la mienne.“

„Wenn du nächstes Mal nach Marokko kommst, hast du zwei Familien: diejenige von Mustapha und meine.“, sagte der Besitzer des Fitness-Studios, in dem ich heute zum vierten Mal gewesen bin, beim Abschied zu mir. Er konnte nicht ahnen, was dabei in mir anklang.

Familie hat nicht in erster Linie mit biologischer Verwandtschaft (Blutsverwandtschaft) zu tun. Familie hat damit zu tun, wer einen offen, herzlich, warm & grosszügig an- & aufnimmt, mit einer im wahrsten Sinn des Worts wunderbaren Selbstverständlichkeit an- & aufnimmt: als Mensch mit Bedürfnissen & Wünschen – nicht als Maschine, die eine Funktion zu erfüllen & sonst ganz & gar nichts zu melden hat, die ausgeschlossen wird, mit grosser Selbstverständlichkeit ausgeschlossen wird & die ja eigentlich „nur“ eine Bedrohung darstellt: eine Bedrohung für das eingespielte System, das ein böses Spiel spielt, aber immer & überall so tut, als ob es ein gutes Spiel wäre, das auf keinen Fall mit seinen eigenen Abgründen konfrontiert werden möchte, das Angst hat, dass auskommt, was auskommen könnte, dass der ganze grosse Haufen von systematisch & in verschwiegener „Abmachung“  unterdrückten Problemen sichtbar wird.

Wer das nicht weiss & nicht versteht, ist oft selbst verstrickt & gefangen in einem ungesunden Familiensystem, in dem jeder & jede die ihm oder ihr zugewiesene & ebenso ungesunde Rolle spielt – so tief & so stark verstrickt & gefangen, dass diese Rollen nicht einmal wahrgenommen, geschweige denn hinterfragt werden.
Für aussenstehende, aufmerksame, sensible & ehrliche Menschen ist es kaum auszuhalten; man kann kaum atmen in den erstickenden & erdrückenden „Vibes“. Man spürt fast schon körperlich, wie jeder Konflikt unter den Teppich gekehrt wird, was sowohl gesunde Ablösungen innerhalb der Familie wie auch wahrhaftige & authentische Begegnungen mit aussenstehenden Menschen zum Vornherein verunmöglicht. Der einzige Ausweg erscheint, sich das ja nie einzugestehen & stattdessen wegzusehen – beharrlich wegzusehen. Aber das ist nie heilsam. (Auch dazu müsste man sich psychologisch nicht einmal allzu gut auskennen…)

Wer unabhängig & frei ist, hat sich aus Verstrickungen & Gefangenschaft (längst) gelöst oder hat sich gar nie verstricken & gefangen nehmen lassen. Letzteres ist natürlich am gesündesten. Insbesondere auch für die nachkommenden Generationen. (Transgenerationale Familienforschung lässt grüssen…)

Für meine Kinder ist es ein grosser Segen, diese Familie in Marokko zu haben, zu wissen, wo & wie sie leben, mit ihnen zu kochen & zu essen, zu reden & zu lachen, mit ihnen einkaufen oder in ein Café, zum Friseur oder ins Hamam zu gehen, mit ihnen im Auto oder im Bus zu fahren, ihnen Geschenke mitzubringen & von ihnen Geschenke zu bekommen, ihre Freuden & Sorgen zu teilen, ihre Lebensweise zu kennen, sie zu verstehen, zu berühren, zu umarmen & zu lieben sowie sich selbst immer wieder als Teil dieser Familie zu erleben. Es ist ein grosser Segen für ihre Entwicklung, ihre Identitätsfindung, ihre Persönlichkeitsentfaltung, ein grosses Glück für ihr ganzes Leben. Ich bin so dankbar dafür.

So dankbar. 💗

Und hier noch ein passendes Foto, das ich gestern Abend zufälligerweise im Netz sah:

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