Ferienlektüre, ein abwechslungsreicher Ausflug & die Polizei von Stone Town

Ah, das kennen wir auch alles – und wie“, sagte Daniela, die auch aus der Schweiz kommt & mit ihrer Familie durch Uganda gereist ist, wo sie Gorillas beobachten & sogar neben Gorillas schlafen konnten, zu mir. „Unsere sind ein bisschen älter. Das hatten wir auch alles. Sehr anstrengend. Aber es geht vorbei…“

Sie ist mit ihrem Mann, dem Sohn & der Tochter hier. Diese haben, wie in dem Alter üblich, den Freund bzw. die Freundin dabei. Das heisst, wenn Kids in dem Alter noch mit den Eltern in die Ferien kommen, dann mit Freund bzw. Freundin. Oder wie ein Vater zweier erwachsener Söhne im Frühjahr zu mir sagte: „Spätestens ab 16 fahren die Kinder eh nicht mehr mit den Eltern in die Ferien.“ Das „spätestens“ ist aus meiner Sicht zwar übertrieben, aber lieber in diese Richtung übertrieben als in die entgegengesetzte.

Ich stelle immer wieder (etwas) überrascht & gleichzeitig (sehr) erfreut fest, dass viele Eltern in Bezug auf die Pubertät ihrer Kids offen & ehrlich sind. Aussagen wie obige von Daniela höre ich immer wieder. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich mich sowohl in meinem beruflichen wie auch in meinem privaten Umfeld vor allem mit offenen & ehrlichen Menschen unterhalte. Dass ich mich in Blasenwelten, wo man einander ganz vieles vormacht & ganz vieles vorheuchelt, gar nicht aufhalte. Dass ich in ihnen sowieso durchdrehen, kaputt gehen oder ersticken würde. Dass ich direkte, offene, ehrliche & authentische Menschen zum Atmen, ja zum Leben brauche & mich darum auch vor allem von ihnen angezogen fühle, mich mit ihnen austausche & sie ernst nehme.

Prahlenden Eltern, die so tun, als ob die Pubertät ihrer Kinder reibungslos & ruhig verlaufen wäre, bin ich auch schon begegnet. Sie sind ääätzeeend & merken nicht einmal, wie ääätzeeend sie sind. Und dann gibt es auch noch die vielleicht 5%, wo tatsächlich keine Pubertät stattgefunden hat. Kein Aufbegehren, keine Aufmüpfigkeit, keine Eigensinnigkeit, keine Sturheit, kein Lautsein, kein Ausrufen, kein Austesten, keine Abgrenzung, keine Abnabelung, keine Ablösung. Das ist am allerschlimmsten, weil da – auf beiden Seiten – sooo vieles fehlt, dass es auf tausend Seiten nicht Platz hätte.

Mehr dazu ein anderes Mal (wieder)…

Meine eigenen Kids streiten seit etwa vier Monaten deutlich weniger als früher; sie streiten nur noch selten. Der Unterschied ist frappant. Ich brauchte selbst eine gewisse Zeit um es festzustellen & aufzunehmen, da ich mit dieser Veränderung noch gar nicht gerechnet hatte. Ich dachte, das Streiten würde sich, wenn sie so 17, 18 sind, legen. Ich dachte es & freute mich auf diese Zeit. Auch wenn ich nur allzu gut weiss, wie unendlich wichtig das Streiten eben ist – entwicklungspsychologisch extrem wichtig.

Dass es sich jetzt schon über drei Jahre früher als erwartet legt, ist mir aber auch recht. Erstens macht es das Zusammenleben diesbezüglich schon einfacher; zweitens haben sie alles, was sie diesbezüglich austragen & lernen müssenja, „müssen“ – es ist ein Naturgesetz – offenbar ausgetragen & gelernt. Es ist nicht mehr nötig, sie brauchen es nicht mehr. Stattdessen schläft sie zwischendurch mit ihm in seinem Doppelbett, fragt er sie um Rat punkto Kleider, Frisur & Stil, sitzen sie manchmal stundenlang in einem ihrer Zimmer & reden miteinander über das, was in der Schule passiert ist, was ein Lehrer gesagt hat, was eine Lehrerin gemacht hat, was Kollegen & Kolleginnen erzählen, was sie für Pläne haben…

Das ist jeweils einfach „nur“ schön, ihnen dabei ein bisschen zuzuhören. Und am Esstisch ist es oft sehr lustig, wenn sie Neuigkeiten aus der Schule zum Besten geben, austauschen oder kommentieren. Oder wenn sie Lehrpersonen imitieren…

Sie lernen so viel voneinander – so, so, so viel. Nicht nur für jetzt, sondern für immer, für ihr ganzes Leben. Das ist so wertvoll – so, so, so wertvoll. Auch, weil sie über das andere Geschlecht (ah sorry, seit den immer & überall sofort eingeschnappten & beleidigten Schneeflocken-Generationen gibt es ja mindestens 27 verschiedene Geschlechter & muss man sein eigenes mindestens einmal täglich hinterfragen… 🙈) so viel lernen, weil sie so viel sehen & mitbekommen & weil für sie so vieles selbstverständlich ist, was andere sich aneignen & lernen müssen.

Was auch nicht etwa „schlimm“ oder so ist – nein, man kann es lernen. Dazu müssen die Eltern aber ein paar Punkte beachten. Das heisst, ein paar Punkte, die erfüllt, unbedingt erfüllt sein müssen, sowie ein paar Punkte, die vermieden, unbedingt vermieden werden müssen. Dann klappt es auch ohne Geschwister oder mit einem Geschwister, das eine Beeinträchtigung hat & daher den Part des Übungsmenschen nicht übernehmen kann, gut.

Dazu ein anderes Mal mehr…
Sonst wird es hier zu lange…

Hier dafür noch ein paar zum Thema passende Zitate aus meiner Ferienlektüre:

* „Zu Hause aber nehmen wir kein Blatt vor den Mund, lassen Filter beiseite & lassen Emotionen freien Lauf.“

-> eine im „Fritz&Fränzi 6“ zitierte Familie

-> Diese Offenheit & diese Ehrlichkeit sind cool & tun gut.

-> In jeder einigermassen „normalen“ & damit einigermassen gesunden Familie ist das so. In konfliktunfähigen Elternhäusern ist es leider anders. Da erstickt man fast in der von unangesprochenen, unausgesprochenen, unangegangenen, unangepackten, unter den Teppich gekehrten & ungelösten Konflikten geschwängerten Luft. Da kann man kaum atmen in der ganzen Heuchelei, dem ganzen manipulativen, verstrickten & toxischen System.

* „Wir sind eine sehr lebendige Familie & kennen konfliktreiche Situationen zu Genüge – vor allem, wenn alle sich in einem Raum aufhalten. Kleine Dinge schaukeln sich da gerne hoch.“

-> eine andere im gleichen Heft zitierte Familie

-> Ja, wenn eine Familie eben „lebendig“ ist, gibt es auch Reibereien, Konflikte & Streit. Nur in „toten“ Familien gibt es das nicht. Und das ist einfach „nur“ schlimm & verheerend für jedes einzelne Mitglied sowie für diejenigen, die sich näher auf diese Familie oder auf eines der Mitglieder einlassen wollen.

* „Wer mit Geschwistern aufwächst, lernt täglich, wie man Konflikte austrägt, was ein super Übungsfeld fürs Erwachsenenleben ist.“
[…]
Sie erfahren, welche Lösungsstrategien es gibt.“

-> eine Sozialarbeiterin im gleichen Heft

-> Stimmt weitaus meistens. Und dann gibt es auch noch diejenigen, die es trotz Geschwister nicht lernen. Absolut verheerend. So, wie es all‘ diejenigen gibt, die es auch ohne Geschwister lernen. Aber wie erwähnt, dazu ein anderes Mal mehr.

* „Geschwister müssen täglich eine bestimmte Anzahl Konflikte austragen, um ihr Revier zu markieren & Hierarchien abzustecken.“

-> eine freie Autorin, die für das Elternmagazin schreibt (im gleichen Heft)

-> Genau. Wer meint, Geschwisterstreit sei negativ & müsse unterbunden werden, ist ein entwicklungspsychologischer Dummy. Und vielleicht überdies ein hoffnungsloser Fall – wer weiss.

Meine Kids haben zwei Stunden Kitesurf-Unterricht gehabt & machen sich jetzt gegenseitig Massagen. Auf zwei Liegen aus Holz am Kiwengwa Beach. Passt ja grad perfekt zum Thema. Und nein, sie wissen nicht, worüber ich schreibe… 😅

Wir sitzen auf Stühlen aus Holz & trinken „Dawa of Kiwengwa Reef“. Das ist ein Cocktail aus Limettensaft, Honig & Konyagi, einem „local spirit made of sugar cane“. Er schmeckt sehr gut. 😋 Mit Zuckerrohr bepflanzte Felder haben wir auf unseren Ausflügen schon gesehen.

Es ist ein wunderschöner Nachmittag gewesen. Als wir vom Hotel zur Beach Lounge spazierten, war Ebbe & das Wasser weit „draussen“. Türkis, grün, blau – wie im Ferienkatalog. Jetzt kommt die Flut & das Wasser nähert sich „unseren“ Stühlen & Liegen.

Vorgestern machten wir einen weiteren Ausflug. Wir fuhren noch einmal an die Westküste, nach Stone Town. Dort bestiegen wir ein kleines Motorboot aus Holz & fuhren zur Insel Changuu. Changuu ist der Name eines Fisches. Der zweite Name, Prison Island, kommt vom sich darauf befindenden ehemaligen Gefängnis für Sklaven. Sie wurden dort gehalten, bevor sie auf dem Sklavenmarkt in Stone Town (s. Beitrag „Aquaman“) verkauft wurden. Wir schauten uns das Gebäude an.

Heute ist Prison Island bekannt für die Riesenschildkröten. Sie waren ein Geschenk vom britischen Gouverneur auf den Seychellen. Er schickte 1919 vier Schildkröten nach Sansibar. Die älteste Schildkröte der Insel ist 196 Jahre alt, einige weitere sind bis zu 155 Jahre alt.

Die Aldabra-Riesenschildkröte ist die zweitgrösste Landschildkröte der Welt. Nur die Galapagos-Riesenschildkröte ist grösser. Die Nahrung der Aldabra-Riesenschildkröten besteht primär aus Pflanzen. Manchmal werfen sie kleine Bäume um, damit sie an die Blätter kommen. Oder sie lassen sich von den Touristen & Touristinnen Blätter an den Mund halten, die sie dann gerne knabbern. Wir hatten jedenfalls Spass dabei, sie zu füttern. Und einer der Pfauen wollte ebenfalls gesehen werden & machte das Rad. 😀

Auch ein paar Dikdiks konnten wir beobachten; ich finde sie sehr süss. 😍 Sie gehören mit einer Körpergrösse von nur 30cm bis 40cm zu den Zwergantilopen & sind mit ihrer kleinen & zierlichen Gestalt nicht viel grösser als ein ausgewachsener Hase. Dikdiks sind sowohl im südlichen wie auch im östlichen Afrika verbreitet & ernähren sich hauptsächlich von Blättern, Gräsern und Früchten.

Danach fuhren wir mit dem Boot zur Sandbank Nakupenda. Bei Ebbe ist das so der Inbegriff von weissem Traumstrand & türkisfarbenem Wasser – und das „mitten“ im Meer. Wirklich wunderschön… Wir spazierten vom einen Ende der Sandbank zum anderen & genossen dann das Mittagessen: Pommes, Salat & frische Früchte – alles mitgebracht & dort fertig zubereitet. Auf die Meeresfrüchte hatte niemand von uns Lust… Wir hatten nämlich Poulet (Chicken) anstelle von Meeresfrüchten bestellt, aber irgendwo war die Kommunikation offenbar schiefgelaufen… Macht nichts – es war auch so genug.

Beim Baden wurden wir dann alle von Quallen „gebissen“. Die liessen so blaue Fäden auf dem Körper, was brannte & weh tat. Die anderen fanden, so halb Brennen, halb Schmerz; für mich war es so ein Viertel Brennen & Dreiviertel Schmerz. Den anderen tat nur die betroffene Körperstelle weh; mir tat es bis über das Knie weh, obschon die Qualle ihre blauen Fäden auf der zweitgrössten & der mittleren Zehe abgegeben hatte. Die anderen spürten nach etwas mehr als einer Stunde nichts mehr; mir tat es beim Einschlafen kurz vor Mitternacht noch weh.

Ich schreibe das hier nicht etwa auf, weil ich es schlimm fände. Im Gegenteil – ich bin diejenige, die so gut wie nie ‘was sagt & sich so gut wie nie ‘was anmerken lässt. Was ich seit 13 1/2 Jahren mache, ist das diametrale & pure Gegenteil von Dauersimulieren & Daueraggravieren. Darum schreibe ich es auf, genau darum.

Und weil ich aufzeigen möchte, dass das Leben mit einer (schweren) organischen Erkrankung in vielerlei Hinsicht ein anderes ist als ein Leben ohne chronische Erkrankung. Trotzdem merkt mir niemand etwas an. Wenn ich nichts davon sagen oder schreiben würde, wüsste niemand etwas davon. Ausser natürlich meine Ärzte & Ärztinnen… Meine Erkrankung ist für niemanden eine Belastung. Sie vorzuschieben, um nie & nimmer zugeben zu müssen, was die tatsächliche Belastung darstellt, ist hinterhältiger, feiger & dreckiger Missbrauch.

Bei solchen an sich ja kleinen & unbedeutsamen Zwischenfällen hab‘ ich jeweils auch ein bisschen Angst, dass sie einen Krankheitsschub auslösen könnten. Das tönt vielleicht (etwas) übertrieben, ist es aber nicht. Da ich auf vieles (viel) heftiger reagiere, als ein gesunder Mensch reagiert, und da es, wie auch schon erwähnt, zwei oder drei Stressfaktoren braucht, um einen Krankheitsschub auszulösen oder den Verlauf zu verschlimmern, sind solche Bedenken durchaus berechtigt. Trotzdem verfliegen sie meistens auch schnell wieder. So auch gestern.

Wir fuhren dann nach Stone Town zurück. Die Wellen liessen das Boot schaukeln & peitschten uns Wasser ins Gesicht. Als wir uns verabschiedeten, gab ich dem Fahrer & seinem Sohn ein gutes Trinkgeld. Dann gingen wir zum Taxi, einem Minibus ähnlich, zurück, wobei ein Restaurantbesitzer meine Tochter wegen ihres Bikinis zurechtwies. Dies, obschon sie das blaue Badetuch vom Hotel um die Hüften gebunden hatte. Die Polizei würde sie holen, meinte er. Wir gaben ihm, um keine Probleme zu bekommen, recht, gingen so schnell wie möglich zum Taxi zurück & mussten dann darüber lachen. Aus verschiedenen Gründen… 😅

Aber ja, wir sind in einem grösstenteils muslimischen Land, was man hier viel eher vergisst als zum Beispiel in Marokko oder Tunesien. „Das hat Papa mir ja noch gesagt“, kam ihr dann in den Sinn. Wir fuhren ab, die Polizei war uns zum Glück nicht auf den Fersen. Dafür sah ich Freddie Mercurys Geburtshaus noch ein zweites Mal, worüber ich mich freute (s. Beitrag „Aquaman“).

Jetzt ist ein Tag später. Gestern Abend fiel das Hotel-Internet aus, sodass ich nicht fertig schreiben konnte. Ausserdem hatte eine kleine Eidechse sich in unser Badezimmer verirrt. Said gab sein Bestes & tauchte mit einer Leiter auf. Beim dritten Anlauf schaffte er es, das Tierchen mit einem Taschentuch in die Hand zu nehmen & unversehrt in den Garten zu setzen.

Und jetzt sitzen wir wieder auf der Terrasse vor unseren Zimmern. Neben uns springen Bush Babies (Galagos) von Baum zu Baum. Ich weiss jetzt schon, dass ich sie vermissen werde…

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