Ein Marokkaner

Schreiben?
Schreiben!

Eigentlich kann ich die Ereignisse der vergangenen zehn Tage weder aufschreiben noch beschreiben.
Mit Worten, mit dem Instrument der Sprache, das ja auch (sehr) begrenzt ist, geht das nicht.
Das ist in meinem Fall, da sprachliche Ausdrucksfähigkeit & Verständnis wie Gefühl für Sprachen eines meiner grössten Talente sind, jeweils besonders frappierend.

Ja tatsächlich so etwas wie erschlagend.
„Frapper“ bedeutet „schlagen“.
Oder auf Englisch „hit“.

It hit me.
You hit me.
Love hit me.

Und wer nicht mit mir gesprochen oder geschrieben hat, soll nichts analysieren.
Wer nicht mit mir gesprochen oder geschrieben hat, soll schon gar nichts interpretieren.
Wer nicht mit mir gesprochen oder geschrieben hat, soll am allerwenigsten urteilen.

Denn: Nur diejenigen, die sich mit mir ausgetauscht haben, wissen, was es zu wissen gibt. Und das ist sehr vieles. Darum ein grosser Dank an all‘ diejenigen, die durchschaut & benannt haben, was es zu durchschauen & benennen gibt. Eben sehr vieles.

Vor einer Woche, das heisst am letzten Wochenende, war das Albanifest, das Naila so liebt, in vollem Gange. Sie kostete es an allen drei Abenden aus, vor allem am Freitag- & am Samstagabend. Dafür gab ich ihr zweihundert Franken, also zweimal hundert. 😅

Amir* kam kurz nach  18.30 Uhr am Bahnhof Winterthur an. Unmittelbar zuvor war der erste Treffer der Schweiz gegen Italien gefallen. Ich stand vor dem „Rice up“, jubelte mit den anderen Zuschauenden mit & wartete auf ihn. Dass ich das Tor der Schweizer Nationalmannschaft in froher Gesellschaft erleben durfte, nahm ich dankbar zur Kenntnis.

Dann drehte ich mich um & er stand vor mir. Wir umarmten uns & küssten uns. Eine Frau lächelte mich an, was ich über seine rechte Schulter hinweg erhaschte.

Unmittelbar danach kam es zur ersten & wie erwartet entspannten Begegnung zwischen Amir* & Naila. Mit ihr hatte ich abgemacht, um ihr die 100 Fr. zu geben. Über Twint funktionierte es nicht mehr, da ich am Vorabend bereits 100 Fr. getwintet hatte & es bei Jugendlichen Beschränkungen gibt.

„Mama, nimm kein Schwiizer meh, nimm‘ eifach kein Schwiizer meh“, hatte sie anfangs Jahr zu mir gesagt. So platt das vielleicht tönen mag, so recht hat(te) sie damit & so vieles hatte sie halt kapiert. Das Ein- & Festgefahrene, (Tief)verstrickte, Abhängige, Heuchlerische & oftmals (Hoch)toxische, was man in vielen Schweizer Familien antrifft, gibt es in südländischen Familien weniger. Deutlich weniger sogar.

Ich wusste, dass sie recht hatte.
Ich spürte, dass sie vollkommen richtig spürte.
Ich war beeindruckt, wie sie das herausgefunden hatte.

Und es berührte mich, dass sie mir ihre Erkenntnis als Tip weitergab. In einem Alter, wo von der Gehirnentwicklung her alles sich um sich selbst dreht, war das besonders bemerkenswert. Frontallappen lässt grüssen. 😅

Dass ich einen Marokkaner datete, fand sie natürlich top & total spannend. Sie interessierte sich zum ersten Mal für meine Dates & für meinen Dating-Partner. Sie wollte vieles wissen & stellte viele Fragen.

Der Marokkaner spricht, da er seit seinem neunten Lebensjahr in Frankfurt zur Schule ging & ebendort studierte, ein gepflegtes Hochdeutsch. Ab & zu ist etwas dabei, was aufmerksame & sprachlich gewandte Personen erahnen lässt, dass seine erste Muttersprache eine andere war. Und das ist immer super süss & super charmant. 😍

Amir* hatte gute Jobs in Deutschland & hat den zweiten guten Job in der Schweiz. Gerne würde ich hier bekannt geben, was & wo er arbeitet; es ist nämlich nicht 0815. Aber ich halte mich da (noch) zurück. So oder so kann er sehr stolz sein, was er erreicht hat.

Er ist es aber alles andere als arrogant. Was nicht nur sehr sympathisch, sondern für einen intelligenten & selbstbewussten Mann auch selbstverständlich ist. Unter anderem darum passen wir auch so gut zusammen.

Wir schlenderten dann über die Stadthausstrasse in die Altstadt hinein zum „Ocean Five“ am Neumarkt.
Dort hatten wir extrem Glück & ergatterten draussen zwei Sitzplätze, von denen aus wir die zweite Halbzeit perfekt mitverfolgen konnten. Wir bestellten zwei Mocktails, also zwei alkoholfreie Drinks. Sie schmeckten sehr gut.

Um uns herum waren ganz junge „Schwiizer Nati“-Fans, die sich unglaublich ins Zeug legten & immer wieder verschiedene Fan-Gesänge anstimmten. Es war sooo lustig mit denen, wir mussten sooo lachen. Und es wirkte: Die Schweiz warf Italien mit 2:0 aus dem Turnier. Der Jubel kannte keine Grenzen mehr.

Wir spazierten weiter, schauten einer albanischen Tanz- & Musikgruppe zu, kauften an einem argentinischen Stand zwei vegetarische Empanadas & setzten uns ein paar Minuten später unter das Dach bei einem senegalesischen Stand, wo wir uns zwei verschiedene Gerichte teilten. Dort blieben wir lange sitzen & unterhielten uns über vieles. „Irgendwie ist das hier wie für uns gemacht“, meinte Amir* & nickte mir zu.

Irgendwann erkundeten wir das Albanifest noch weiter. Vor einer Bahn beim Stadthaus küssten wir uns intensiv & leidenschaftlich. „Wenn jetzt Naila hier durchgeht…“, gab Amir* zu bedenken. „Das macht nichts, das juckt die nicht“, erwiderte ich.

Da ich etwas Warmes trinken wollte, führte ich ihm zum „Gilgamesh“. Er wollte mit mir auf die dunkelste Couch & sagte, er sei noch nie in einer Shisha-Bar gewesen. Darüber musste ich schmunzeln.

Wir bestellten zwei Pfefferminz-Tees, die hübsch serviert wurden. Es war ruhig, gemütlich & kuschlig, was wir beide sehr genossen. Fast schon zu schön, um wahr zu sein…

„Gehen wir wohin, wo wir alleine sind?“ fragte er mich dann.
„Hmm…, ja…, dann können wir zu mir nach Hause gehen“, antwortete ich.
In der eigenen Stadt in ein Hotel zu gehen, fände ich etwas schräg…

Er war überrascht über meine Offenheit & meinen lockeren Umgang mit Naila sowie über deren Lockerheit. Doch auch wenn das für ihn noch neu & daher ungewohnt ist, nahm er mein Angebot an & wir fuhren mit dem 2er-Bus zum Lindenplatz. Dort hatte ich das Auto.

„Schön hast du es hier“, sagte er sofort, nachdem wir mein Haus betreten hatten & ich ihn willkommen geheissen hatte.
Schon auf der Fahrt mit dem Auto hatte er festgestellt, wie schön die Lage ist. Nämlich erhöht & dadurch privilegiert. Sie ist es denn auch nicht, warum wir umziehen werden.

Mit dem zweiten „schön“ meinte er die Innenausstattung. Diese gefällt vielen. Auch Janine, meine Arbeitskollegin, war begeistert, als sie die Fotos sah.

Darauf folgte unsere erste Nacht.

Und da hör‘ ich jetzt definitiv auf mit Worten.

❤️

* Name geändert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert